#wirSindSchwenningen
06.09.2017

Das große Interview

Trainer Pat Cortina und Manager Jürgen Rumrich im Interview

citypress

(bo) Lange Wochen der Vorbereitung liegen hinter der Mannschaft von Trainer Pat Cortina. Am kommenden Freitag geht es endlich los. Mit dem Gastspiel am Seilersee starten die Wild Wings in ihre fünfte Saison in der höchsten Deutschen Eishockey Liga. Im Interview mit wildwings.de sprechen die beiden über die Vorbereitung, über die Strukturen innerhalb des Teams und das WIR-Gefühl.

Der Saisonstart steht an, die langen Wochen der Vorbereitung sind vorbei. Wie fällt euer Fazit der Vorbereitung aus?

Jürgen Rumrich: »Überaus positiv. Die Mannschaft hat vom ersten Tag an voll mitgezogen, die Einstellung hat in jeder Trainingseinheit jederzeit gestimmt. Insofern kann ich nur ein positives Fazit ziehen: nicht nur die Mannschaft, sondern jeder einzelne hat sich bislang sehr gut präsentiert.«

Pat Cortina: »Auch von meiner Seite aus kann ich nur Positives berichten. Wir hatten in den vergangenen Wochen sehr viele Einheiten auf dem Eis und mir fällt nur eine ein, die mir nicht gefallen hat. Jeder zeigt diesen unbedingten Willen, jeden Tag besser zu werden und genau darauf legen wir sehr viel wert. Das hilft auch dem gesamten Team, dass das Niveau jeden Tag hochgehalten wird.«

Als Ziel habt ihr ja ausgegeben, dass man sich verbessern will, den nächsten Schritt mit der neuen Mannschaft angehen will. Was zeichnet diese Mannschaft aus, wieso ist mit diesem Team die nächste Stufe der Entwicklung drin?

Pat Cortina: »Wir haben vielleicht mehr Homogenität in der Mannschaft, alle bewegen sich auf dem gleichen Level. Der Konkurrenzkampf innerhalb des Teams ist ein anderer und das meine ich nicht negativ, sondern werte ich als Zeichen, dass sich das Team gegenseitig pushen kann. Jeder Spieler muss sich die Eiszeit hart erarbeiten und unser großes Plus ist die Homogenität innerhalb der Mannschaft.«

Jürgen Rumrich: »Konkurrenzkampf ist ein gutes Stichwort. Wir haben in diesem Jahr mehr Tiefe vom Kader und haben sehr viel Qualität in dieser Mannschaft. Das ist vielleicht der große Unterschied zum letzten Jahr, denn da hat sich sehr schnell herauskristallisiert, wer keine Eiszeit bekommt oder nach Freiburg zu unserem Kooperationspartner gehen muss.«

Pat hat es erwähnt: Homogenität. Woran macht ihr das fest?

Pat Cortina: »Wir führen ja viele Einzelgespräche und wir hören das immer wieder von den Spielern und bekommen das Feedback, dass wir auch charakterlich eine gute Mannschaft haben. Es gibt keine Grüppchen, die sich nach den ersten Tagen und Wochen gebildet haben, sondern es gibt ein schönes Miteinander. Das zeigt auch in der Kabine, wenn wir die Meinung der Spieler wissen wollen. Wenn ein Team nicht homogen ist, wenn einzelne Spieler nicht miteinander können, dann sagen sie oftmals nicht ihre Meinung, sondern verstecken sich eher in der Gruppe. Und genau das ist bei uns der Fall: sie stehen auf, sagen ihre Meinung und respektieren auch die Meinung der anderen.«

Jürgen Rumrich: »Das zeigt sich an Kleinigkeiten. Wir waren ja während der Vorbereitung desöfteren gemeinsam Mittagessen. Und da hat sich gezeigt, dass sich keine Grüppchen gebildet haben, sondern sich alle bunt durcheinander gemischt haben. Und genau das wollen wir auch erreichen- eine Mannschaft, die als Ganzes funktioniert.«

Trotzdem noch einmal nachgefragt. Im letzten Jahr gab es ja sehr starke Persönlichkeiten mit Sascha Goc, Joey MacDonald oder Jerome Samson. Spieler, die diese Persönlichkeit ausstrahlen und über jede Menge Erfahrung verfügen von der jüngere Spieler profitieren. Jetzt sind diese Spieler nicht mehr da und andere müssen deren Rolle einnehmen. Einige Neuzugänge und auch Spieler, die im letzten Jahr bereits hier waren, müssen in diese Rolle erst hineinwachsen.

Pat Cortina: »Wir haben ja einige Spieler, die bereits im letzten Jahr hier waren. Uli Maurer übernimmt selbstverständlich mehr Verantwortung, oder Marc El-Sayed. Tim Bender geht auch in sein drittes Jahr hier in Schwenningen und ist in dieser Zeit auch gewachsen- auch er wird mehr Verantwortung als in der Vergangenheit übernehmen müssen. An seinem Auftreten kann man auch ablesen, dass er diese Rolle annimmt. Und jeder muss seine Rolle und seinen Platz innerhalb des Teams einnehmen und auch unsere Neuzugänge haben Charisma und Leadership Qualitäten. Natürlich haben solche Spieler in ihren bisherigen Vereinen eine völlig andere Rolle innerhalb des Teams eingenommen und zum Teil wenig Eiszeit bekommen. Auch diese Spieler wachsen mit ihrer Verantwortung auf dem Eis. Momentan ist es so, dass diese Lücke, die Spieler wie Sascha oder Joey mit Sicherheit hinterlassen haben von Spielern ausgefüllt wird, die bereits im letzten Jahr hier gespielt haben.«

Ihr beide habt sehr viel Erfahrung, als Spieler, Trainer und Manager. Ihr wisst, worauf es in einem Team ankommt. Wie helft ihr dem einen oder anderen Spieler, der vielleicht noch ein Indianer ist, ein Häuptling im Team zu werden?

Pat Cortina: »Wir verfolgen klar das Ziel, dass wir eine vielseitige Mannschaft haben wollen. Es wird eine gewisse Rotation geben, denn die Belastung durch die zahlreichen Spiele ist für jeden einzelnen Spieler sehr hoch. Und da wollen wir ansetzen, dass sich jeder als Teil des Teams sieht und auch die jungen Spieler das Zeug dazu haben, sich für die Topreihen anzubieten. Das erfordert natürlich harte Arbeit. Genau das soll uns helfen, denn sicherlich wird es Phasen in der Saison geben, wo der ein oder andere Spieler mal durchatmen muss. Und dann müssen andere dafür in die Presche springen. Um aber auf deine Frage zurückzukommen: ich will den Druck nicht auf wenige Schultern verteilen, sondern auf alle und so den Druck von den einzelnen Spielern nehmen. Wenn ein Spieler einmal nicht spielt, dann ist das keine Strafe oder kommt daher, weil er seinen Job nicht gemacht hat, sondern weil wir vielleicht das Gefühl haben, dass er eine kleine Auszeit braucht. An diesem Punkt setzen wir an und da kommt uns die Tiefe im Kader natürlich sehr entgegen.«

Jürgen Rumrich: »Seitdem ich hier als Manager tätig bin war Sascha Goc der unangefochtene Leader. Alleine mit seiner Ausstrahlung auf dem Eis und in der Kabine war er einfach jemand, zudem alle Spieler aufgeschaut haben. Aber jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem sich die Gruppe neu finden muss. Unsere Aufgabe ist es, den Spielern zu zeigen, dass ihnen die Zeit auch gegeben wird die sie brauche um in ihre neue Rolle zu schlüpfen. Da gilt es auch die Erwartungshaltung an den Einzelnen nicht zu hoch zu setzen und den Druck ab und an herauszunehmen. Und nach den ersten Wochen haben wir gespürt, dass dort etwas am Wachsen ist und Bewegung im Team ist.»

Nach der Saison finden viele Gespräche statt und für euch beginnt die Kaderplanung für die neue Saison. Ihr macht auch sehr viele Gedanken, die Mannschaft nimmt auf einem Whiteboard mehr und mehr Formen an. Wie ist es dann, wenn die Mannschaft und die Neuzugänge wirklich dann auf dem Eis ist, man ein Gefühl dafür bekommt, ob alles wirklich so eingetreten ist wie man sich das Monate vorher gedacht hat?

Jürgen Rumrich: (lacht) »Das erfährt man dummerweise erst wieder nach der Saison. Nein, Spaß beiseite. man macht sich vor einer Saison sehr viele Gedanken. Zusammen mit dem Trainerteam haben wir dann festgelegt worauf wir achten, was und in welchen Bereichen wir uns verbessern oder verändern wollen. Und nach der Vorbereitung können wir sagen, dass wir uns auf einem sehr guten Weg sehen.«

Pat Cortina: «Stand jetzt ist es glücklicherweise so, wie wir es geplant haben. Eine der Dinge, die wir im letzten Jahr vielleicht vermisst haben und die wir ändern wollten ist, dass wir eine Mannschaft sein wollen, gegen die es sehr schwierig ist zu spielen. Eine Mannschaft, die schwer auszurechnen ist- gerade auch im Hinblick, wie wir unsere Verteidiger einsetzen wollen. Auch an der Schnelligkeit und der Geschwindigkeit des Teams wollten wir drehen. Und darauf haben wir wert gelegt, als wir die Spieler verpflichtet haben. Und wir hoffen natürlich, dass wir das in der Saison auch zeigen.«

Kommt es euch da entgegen, dass man sehr viele junge Spieler in den eigenen Reihen hat. Vielleicht sind diese noch etwas flexibler, wenn das System geändert wird?

Pat Cortina: »Junge Spieler gehen vielleicht an die ein oder andere Sache unbedarft und dann ist es natürlich leichter ihnen diese Flexibilität einzuimpfen. Ältere Spieler haben einen gewissen Erfahrungsschatz, kennen alles und wissen, was woanders vielleicht funktioniert hat. Aber das Trainerteam muss entscheiden und die Richtung vorgeben und da wollen wir diese Flexibilität einsetzen, um ein Stück weit unberechenbar zu sein.«

Wir haben ja seit zwei Jahren den Slogan #WirsindSchwenningen. Wie wird dieses WIR-Gefühl innerhalb der Kabine gelebt?

Jürgen Rumrich: »Jeder Spieler, der hier nach Schwenningen kommt soll sich in erster Linie wohlfühlen. Spüren, dass wir froh sind dass er Teil des Ganzen ist und sich als solcher auch fühlen. Dazu gehört eben auch, dass wir sie am Flughafen abholen, das Auto für sie bei Toyota Bach in Villingen bereitsteht und ihre Wohnung bezugsfertig ist. Auch so Kleinigkeiten sind wichtig, dass im Kühlschrank nicht gleich gähnende Leere herrscht, sondern ein kleines Willkommens-Paket vom Culinara in Schwenningen für sie bereitgestellt wurde. Das klingt vielleicht für den ein oder anderen komisch, aber genau solche Sachen sind wichtig. Der Spieler soll sich hier nicht wochenlang eingewöhnen müssen, sondern gleich heimisch fühlen. Dazu gehört auch, dass wir ihnen die wichtigsten Anlaufstationen, Einkaufsmöglichkeiten und vieles mehr in einer kleinen zusammengestellten Broschüre an die Hand geben.«

Pat Cortina: »In der Vorbereitungszeit verbringen die Spieler sehr viel Zeit im Stadion. Und es ist dann auch wichtig, dass die Wohnung gerichtet ist, wenn ihre Familien im September eintreffen. Gerade dass sich die Familien ebenfalls wohlfühlen ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Das merken wir auch im Trainerteam. Du verbringst in der Vorbereitungszeit sehr viel Zeit im Eisstadion, telefonierst am Abend vielleicht kurz mit der Familie. Sobald Du aber den Hörer aufgelegt hast, fängst du wieder an über Eishockey nachzudenken, weil es dich Tag und Nacht beschäftigt. Auf Dauer ist das nicht gesund, von daher ist es wichtig wenn die Familien eintreffen. Deshalb ist es uns auch so extrem wichtig, dass auch sie sich wohlfühlen.«

Letzte Frage und die gestalten wir ja immer etwas speziell und anders. In der vergangenen Saison stand hier, welche Frage ich euch nach der Saison stellen soll. In diesem Jahr drehen wir den Spieß um: welche Antwort wollt ihr mir beim nächsten Interview an dieser Stelle geben?

Jürgen Rumrich: »Wir waren von Anfang an davon überzeugt und freuen uns, dass sich das auch so bewahrheitet hat.«

Pat Cortina: »Der entscheidende Faktor in dieser Saison war, dass sich jeder verantwortlich gefühlt hat.«